Weine aus der Schatzkammer

Gepostet am 02.03.2012

Kurz vor der Auflösung eines Ingelheimer Weingutes steige ich hinab in dessen wohltemperierte Kellergewölbe. Mit schauderhaftem Quietschen öffnet der Winzer die schmiedereiserne Tür seiner Schatzkammer und beginnt mit der Suche nach vielversprechenden Zeitzeugen. Mit breitem Grinsen verlasse ich wenig später den Hof. Wie ein rohes Ei trage ich dabei eine Kiste mit Weinen, teilweise älter als ich selbst.

Schatzsuche

Schatzsuche unter Tage

Ob die noch schmecken? Egal, die Versuchung ist bei etwa einem Euro pro Altersjahr einfach zu groß. Sobald die alte Zeitung entrollt ist, kann man sich nicht nur amüsanten und spannenden Artikeln der Einlagerungstage widmen, sondern vor allem die antiquierten Etiketten und Designvorstellungen bewundern. Folgende Raritäten erblicken nach Jahrzehnten wieder das Sonnenlicht:

  • 1072er Frühburgunder Spätlese Trocken
    Ingelheimer Sonnenhang
  • 1976er Ruländer Spätlese
    Ingelheimer Horn
  • 1983er Spätburgunder Spät- u. Auslese

Nichts ist zunächst spannender als der Zustand des Korkens. Wenn er versagt hat war alles umsonst.

76er Grauburgunder Spätlese

 

 

Sanft bohrt sich der Öffner in den Kork, vorsichtiges Ziehen und Erleichterung, der alte Stopfen lässt sich anstandslos entfernen. Wenige Augenblicke später funkelt mich eine Grauburgunder Spätlese aus meinem Geburtsjahr gülden und reif an. In der Nase Firnenoten von vornehmer reinstform. Als öffnete man die Tür eines alten, muffigen Holzschrankes, gefüllt mit überreifen Quitten und einem großen, offenen Honigglas. Am Gaumen überraschend trocken. Die angekündigten überreifen Fruchtnoten lassen sich gut schmecken. Irritierend starker Kümmel-, Anis- und grüner Pfefferton. Zugegeben, Trinkfreude ist anders. Dennoch faszinierend, was der Ruländer nach 35 Jahren noch zu bieten hat.

83er Spätburgunder

 

Knapp 30 Jahre hatte die Spätburgunder Spätlese Zeit zum Reifen. Das rheinhessische Landschaftsbild auf dem Etikett lädt zu eingehender Betrachtung ein. In Farbe und Nase ein schöner Sherryton. Am Gaumen flach und sauer. Warum dieser hier eingelagert wurde ist sonnenklar, der war nicht trinkbar. Kategorie – muss noch liegen. Da er aber schon jetzt deutlich verloren wird aus dem nichts mehr. Alte Weine kaufen ist eben auch ein Risiko und dieser hier eine Niete.

 

Der 72er wird schon vor Beginn der Probe schonend dekantiert. Ein erster Blick auf den Kork lässt Zweifel aufkomen. Nach dem Säubern sieht das schon ganz anders aus. Schließlich gelingt es nicht, den nässenden Kork schadlos zu entfernen. Beim vorsichtigen Umfüllen hilft ein Trichter mit Sieb.

Schreckmoment

Gesäubert

Nass und Marode

 

Glück gehabt:

Trotz zweifelhaftem Korkzustand kein Fehler beim Frühburgunder.

 

Im Dekanter fällt sogleich die wahnsinnig tolle Farbe des 40-jährigen auf.

40 Jahre verlangen Respekt

Zwar licht, aber im Kern immer noch mit herrlichem Rot und wenig Bräune zum Rand hin. Im Bukett ein wenig Erdbeere, viel schwarze Johannisbeere und Firne. Überraschend, die durch das Alter hervorgerufene würzige Duftmischung aus Koriander und Kreuzkümmel. Auf der Zunge kullert er rund und reif umher, bevor der schöne Lichtrote seitlich hinabläuft. Eine bewundernswerte Tanninstruktur hält den Wein fabelhaft zusammen. Noch lange nachdem sich der Wein in die Kehle gestürzt hat bleibt sein Eindruck an einem begeisterten Gaumen zurück. Ein Volltreffer!

Wegen solchen Weinen lohnen Kosten und Mühen von Winzern und Schatzsuchern. Damit können beide hoch zufrieden sein.

Dennoch befürchte ich, dass solche Proben in Zukunft aussterben. Bei der heute kurzfristig orientierten Weinbereitung darf bezweifelt werden, dass solch ein Genuss mit aktuellen Weinen in 30 Jahren überhaupt noch möglich ist. Das wäre jammerschade!

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1 Kommentar

  1. 17.03.2012

    Würde gerne wissen, wie der 1072er Frühburgunder Spätlese Trocken war! Bei fast 1000 Jahren …

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